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Auslandsjahr in Brasilien 2017/18 – Charlotte Müller

Ein Schuljahr ganz weit weg von Zuhause um eine neue Kultur, Sprache und Lebensweise kennenzulernen. Das war mein Ziel, und darum verschlug es mich in das Land des Fußballs, des Sambas und der Tropen. In das größte und vermutlich auch gegensätzlichste Land Südamerikas. Brasilien.

Ich habe meinen Austausch mit der Organisation Rotary gemacht, weshalb ich drei Gastfamilien in der selben Stadt hatte und in jeder ungefähr vier Monate geblieben bin. Diese drei Gastfamilien waren das Allerbeste an dem ganzen Jahr, denn sie haben mich immer unterstützt und mir geholfen die brasilianische Kultur und die Sprache besser zu verstehen und nachzuvollziehen. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar und hätte mir dieses Jahr ohne sie nicht vorstellen können, da sie sich alle von der ersten Sekunde an wie Familie angefühlt haben.

Wenn ich Brasilien in drei Wörtern beschreiben müsste, dann wären es kunterbunt, verrückt und liebevoll.

Das sieht man schon allein an der Landschaft. Die Stadt Bom Despacho, welche mein neues Zuhause werden würde, befindet sich in dem Staat Minas Gerais mitten im Innenland Brasiliens zwischen unendlich weiten grünen Wiesen, riesigen Bergen, großen Flüssen und atemberaubenden Wasserfällen.

Genauso beeindruckend wie die Landschaft war auch das Klima. Ich kam am 5. August 2017 in Brasilien an, also mitten im Winter der Südhalbkugel. ,,Winter“ das heißt immer zwischen 20 und 30 Grad ohne Regen. Auch wenn das für europäische Verhältnisse nach einem traumhaften Sommer klingt, in dem man seine Zeit nur in kurzer Hose draußen verbringt, verbringen die Brasilianer ihre Zeit überwiegend im Haus, und wenn sie es dann doch einmal wagen sollten nach draußen zu gehen, dann nur im dicken Pullover und mit langer Hose.

Auf mich machte das zunächst einen paradiesischen Eindruck, doch nach drei Monaten ohne einen Tropfen Regen und zwischenzeitlich ein paar Wochen ohne fließendes Wasser in unserem Apartment, sehnte auch ich mich nach ,,schlechtem“ Wetter und Regen!

Der Sommer in Brasilien ist sehr warm, meistens zwischen 30 und 40 Grad und es ist zugleich auch die Regenzeit. Zu dieser Zeit war ich allerdings auf einer Reise im Nordosten des Landes, wo es grundsätzlich nie regnet.

Brasilien ist so groß, dass es schwer ist über ,,die“ brasilianische Kultur zu schreiben, daher hat jeder Staat seine eigene Kultur. Mein Staat Minas Gerais ist der Staat der Farmen und der Cowboys. Ich hatte das Glück mit der letzten meiner drei Gastfamilien die Kultur von Minas besonders stark zu spüren  bekommen bei einem brasilianischen Rodeo. Diese Rodeos sind sehr typisch für Minas genauso wie die vielen Cowboys, Pferde und der Tanz Forró. Forró ist zu vergleichen mit Disco Fox und eigentlich jeder Mineiro (Einwohner von Minas Gerais) kann zumindest die Grundschritte tanzen. Auch mir wurde der Tanz während meines Austauschs beigebracht bei wöchentlichen Tanzstunden in einem naheliegenden der vielen Fitnessstudios.

Fitnessstudios gibt es wie Sand am Meer in Brasilien. Da die Menschen nicht viel Zeit draußen verbringen, der Brasilianer selbst aber sehr gerne und viel isst (mindestens fünf feste Mahlzeiten am Tag), sind sie die meiste freie Zeit im Fitnessstudio. Dort werden vor allem Tanzkurse, aber auch Kampfsport angeboten. Auch ich ging zweimal die Woche zum Muay Thai Training (thailändisches Kickboxen) mit einer Gruppe von gleichaltrigen Mädchen, mit denen ich mich schnell anfreundete.

In Brasilien ist es eigentlich unmöglich alleine zu sein oder keine Freunde zu finden. Das bekam vor allem ich mit meinen blauen Augen und den blonden auffälligen Haaren zu spüren, denn Brasilianer sind von Natur aus sehr neugierige Menschen. Deswegen war es für mich nach einiger Zeit ganz normal von Fremden auf der Straße angesprochen zu werden und Komplimente zu bekommen und nach meinem Namen oder meiner Herkunft gefragt zu werden. Dadurch fand ich auch in meiner Schule sehr schnell Freunde, obwohl ich am Anfang meines Austauschs die portugiesische Sprache noch nicht beherrschte. Oftmals wurden mir Wörter mit Händen und Füßen irgendwie erklärt, da es nur sehr wenig Brasilianer gibt, die Englisch sprechen oder verstehen können. Doch nach elf Monaten dort, kann ich nun stolz sagen, dass ich das brasilianische Portugiesisch sehr gut und flüssig sprechen kann.

Eine weitere Sache von meinem Austausch, auf welche ich sehr stolz bin, ist das soziale Projekt, welches ich in Brasilien gemacht habe. Meine zweite Gastmutter hat Krebs und vor fünf Jahren eine Organisation namens ,,Metástase do amor“ (dt.: Metastase der Liebe) gegründet. Sie besteht aus ehrenamtlichen Helfern, zu denen auch ich mich nun zählen darf, und unterstützt Krebspatienten durch ganz normale Gespräche, großartige Feten, bei denen viel getanzt wird, und Geldzuschüssen für Bedürftige. Dieses Geld wird zum Beispiel gespendet oder bei Veranstaltungen durch Getränke- oder Essensverkauf eingenommen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht dabei mitzuhelfen und ich war glücklich zu sehen, dass man auch durch kleine Dinge wie ein Gespräch Menschen  helfen und ihnen eine Freude bereiten kann.

In Brasilien gibt es sehr viele Menschen, die dringend Hilfe benötigen, sei es aufgrund einer Krankheit oder mangelndem Geld. Die Armutsrate dort ist sehr hoch und auch ich hab das deutlich zu spüren bekommen, da jede Stadt mindestens eine Art Favela (Armutsviertel) hat, die durch ihre Drogen und Gewalt geprägt ist. Deswegen war es teilweise schwierig für mich als Mädchen in Brasilien, weshalb mich meine Gastfamilien sogar am helligsten Tag auch kurze Strecken mit dem Auto gefahren haben, statt mich alleine zu Fuß gehen zu lassen.

Doch obwohl ich dadurch teilweise sehr eingeschränkt war und ich auch schlimme Situationen dort erlebt habe, ist Brasilien meine zweite Heimat geworden und wird sie auch immer bleiben.

 

Obrigada por tudo!

Brasil, eu te amo demais!

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